Kirchenmusik-Blog

Kirchenmusiker Daglef Polzin bloggt aus dem Homeoffice

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Situation der Kirchenmusik nach 9 Wochen Corona, 19.05.2020

Was ist in den letzten 4 Wochen passiert?

Corona
Die Corona-Pandemie dauert an. So langsam wird klar, dass es wohl auch noch viel länger dauern wird, bis endlich wieder so musiziert werden kann, wie man es gewohnt ist.
Das liegt unter anderem daran, dass Singen und spielen von Blasinstrumenten die größten Viren-Hotspots sind.
Die Infektionszahlen gehen zurück. Das ist schon mal gut. Also bleibt die Hoffnung, dass alles gut wird.


Multiscreen-Video
Es geht also kirchenmusikalisch mit neuen ungewohnten Wegen weiter.
Das Projekt „Chor in der Cloud“ habe ich vorangetrieben. Der Aufwand ist groß.
Es soll ein Multiscreen-Chor-Video entstehen. So habe ich Anleitungen, Erklärungen, Teach-Me-Tracks, Noten, Liedtext etc. erstellt. Alles in Form von Videos, Audios, PDFs, alles per Dropbox-Links online gestellt.
Die Zeit, bis die Videos upgeloaded werden, nutzte ich unter anderem für das Einspielen der Band, die den Chor begleiten soll.
Auch für die Chöre ist es ungewohnt. Alle dürfen ja ein Lied einsingen. Die Hemmungen sind sicherlich vorhanden. Die Situation wäre vergleichbar mit einer analogen Chorprobe, in der ich jeden alleine vorsingen lassen würde. Würde ich ja nie machen.
Jetzt also soll jeder ein Video machen. Ganz alleine, möglichst ohne Fehler, die Kamera läuft mit, Playback im Ohr, Download, Upload, Freigaben, Links. Einige stoßen hier evt. auf technische Hindernisse. Einige trauen sich vielleicht nicht. Einige springen über ihren eigenen Schatten. Einige haben vielleicht ganz andere Sorgen.
Aber ich bin überrascht. Es kamen viele Videos. Hürden wurden einfach genommen und zu erkennen ist, dass alle Spaß daran hatten. Immerhin. Es wurde Zuhause gesungen.
Heute ist Einsendeschluss.
Jetzt mache ich mich ran und versuche daraus ein Multiscreen-Chor-Video zu produzieren. Alle sind gespannt.


Podcast
Pastorin Anne Smets hatte die Idee, ein Podcast zu produzieren. Wie macht man das? Wieder etwas Neues. Man lernt nie aus. Da ist was dran.
So spielte ich Klaviermusik ein, Anne erstellte eine Audio-Andacht, und in meinen Homeoffice-Studio kam alles zusammen, Bearbeitung, Upload. Unsere Kirchenhomepage hat jetzt also auch Podcasts.
Kirchenmusik-Veröffentlichungen
Alle Einspielungen, Klaviermusik, Orgelmusik, Stimmbildungsvideo, Ostergottesdienstaktion Open Air mit 2 Personen + Trompete, und was noch so folgt, stelle ich als Dropbox-Link allen Teilnehmer*innen der Kirchenmusikgruppen zur Verfügung. So gibt es neben der Kirchenhomepage auch noch diesen direkten Kommunikationsweg.


Live-Gottesdienst in der Kirche + Präsentation in der Kirchenhomepage-Mediathek
Seit Freitag, 15.05.2020, sind Gottesdienste und Amtshandlungen in der Kirche wieder erlaubt. Allerdings nur unter den bekannten Corona-Auflagen. 16 Personen sind zugelassen. Ab kommenden Sonntag sind 22 Personen in unserer Kirche erlaubt. Wir bieten sonntags 2 Gottesdienste an. 10.00 Uhr und 11.00 Uhr. Dauer 30 Minuten. Dazwischen lüften, desinfizieren, Neueinweisung der folgenden Gemeindemitglieder mit Hilfe von Einweisern. Die Empore darf nur ich nutzen. Gesangbücher werden nicht verteilt. Singen ist verboten.
Die Gottesdienste nehme ich mit mehreren Kameras auf, schneide die Videos zusammen und sie werden dann auf die Kirchenhomepage gestellt.


Online-Gottesdienste als Video-Log
Das nächste Projekt ist ein Online Jugend-Gottesdienst für die Konfirmanden zum Thema Freundschaft.
Geplant ist ein Gottesdienst mit Orgel, Harfe, Gitarre, Klavier, Gebete. Viele nehmen daran teil. Küsterin, Jugendmitarbeiter, FSJlerin, Teamer*innen, Pastores, Kirchenmusiker.
Aber alle nur Online. Jeder erstellt ein Video für bestimmte Stellen im Gottesdienstablauf.
Man kann sich vorstellen, dass diese Form eines Online-Gottesdienstes, im Vergleich zum analogen Gottesdienst, wesentlich mehr Vorausplanung und Nachbearbeitungszeit als sonst gewohnt, für eine Online Darstellung bedarf.


Videokonferenzen mit Pastor*innen
Jetzt, da die ersten Corona-Lockerungen möglich sind, kommt auch wieder mehr Bewegung in die Gemeinde. Da wir aber zur Zeit Besprechungen nicht in geschlossenen Räumen abhalten, treffen wir uns per Videokonferenzen zu Besprechungen. Das funktioniert super und ist direkter und führt schneller zu Ergebnissen, als wenn man die üblichen Kommunikationswege nutzt.

Daglef

 

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Kirchenmusik in Zeiten von Corona, 17.04.2020

Alles ist anders. Fast alles.
Homeoffice ist für mich eigentlich nichts Neues. Immerhin besteht ein großer Teil meines Berufes aus Homeoffice. Aber nur Homeoffice? Keine realen Kontakte, keine Chöre, keine Chorräte, keine Gottesdienste wie gewohnt? Keine Konzerte und Auftritte?
Das ist schon komisch und ungewohnt und entspricht überhaupt nicht meinen Arbeitsabläufen, wie sie sonst normal wären.
Vieles war geplant gewesen für diese Zeit und kann nun erstmal nicht stattfinden. Ausgang ungewiss. Osterauftritte, Chorreise, Konfirmationsmusiken, Konzert, Musicalproben usw.
Die Liste ist lang. Der einzige Trost, der mir bleibt, ist zu wissen, dass es allen so geht. Leider.
Ich denke, wir sehnen uns alle das Ende der Coronakrise herbei.
Aber etwas Gutes hat mir dann vielleicht doch diese Zeit gebracht, mal abgesehen vom großen Leid vieler Menschen und der Randbegleitungen, die diese Krise mit sich bringt.
So kann ich festhalten, dass die Homeofficezeit auch in dieser Krise wie im Fluge vergeht.
Von Langeweile keine Spur. Im Gegenteil. Endlich Zeit zum ausgiebigen Klavierüben, zum Vertiefen von Projekten und neuen Wegen.
Mit vielen neuen Dingen musste ich mich auf einmal auseinandersetzten.
Videochat? Schon gehört, aber nie gemacht.
Videomeeting? Kann man mit dem Chor im Chat proben? Tausend Fragen stellten sich mir.
Die Ernüchterung, was Videochat angeht, war groß. Zum Konferenz abhalten ist es perfekt. Aber Singen synchron im Chat? Keine Chance. Zu viel Verzögerung, zu viel Latenz.
Die Suche nach neuen Probenwegen geht also weiter.
Übetracks in der Dropbox sind für unsere Kirchenmusikgruppen ja nichts Neues. Aber vielleicht das Zusammensetzen vieler selbsteingesunger Clips in einem Video wäre ein neuer Weg.
Ein Projekt haben wir schon angemeldet. Der „Sing to Hope“-Chor gibt nach Corona ein großes Konzert. Dazu müssen alle zu Hause die Lieder geprobt haben, die im Internet angeboten werden.
Neu ist für mich auch das Ansprechen per Video an die Gruppen. Vorm Chor persönlich ist es für mich ja kein Problem. Aber vor der Kamera? Ganz anders. 100 Versuche und nur einer gefällt mir davon.
Aber immerhin. Es ist bis jetzt ein Stimmbildungs-Tutorial von mir erstanden und ein Musikvideoclip für unsere Kirchenhomepage. Und es sind weitere Videos geplant. Zur Zeit spiele ich gerade ein Andantino für Geige und Klavier ein. Dann kommen die Geigen, zu Hause von anderen eingespielt, dazu. Dabei ist der Technische Aufwand und die Nachbearbeitung enorm groß. Das hätte ich vorher so auch nicht gedacht.
Das nächste Projekt, dass ich plane, nennt sich „Chor in der Cloud“. Mal sehen was für Wege sich da für uns auftun.
Ostern war auch ganz anders. Da sind die Pastor*innen mit jeweils einem Bläser*innen aus unserem Posaunenchor durch die Stadt gezogen und haben Open Air eine Kurzandacht gehalten. Ein Choral, eine Ansprache, ein Choral. So ist Alf Kristoffersen mit mir und meiner Trompete und unserer mobilen Beschallungsanlage durch die Stadt gewandert. 2,5 Stunden, 8 Stationen. Das kam super an. Ein tolles Ostersignal der Kirchengemeinde.
Und Hein aus unserem Posaunenchor spielte sogar in 30m Höhe auf der Feuerwehrleiter auf dem Wahlstedter Markt Trompete.
Trotz der vielen Aktionen und ungewöhnlichen Wege in allen Bereichen meiner Arbeit, wünsche ich mir nichts mehr, als dass wir uns endlich wieder frei bewegen können, wir uns in die Arme nehme können und gemeinsam, zur gleichen Zeit am gleichen Ort, musizieren können.
Das ist meine Hoffnung.
Daglef